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AGFW-Infotag 2021: Weichen für klimaneutrale Fernwärme müssen zeitnah gestellt werden

16.02.2021
Unter dem Titel „Wahljahr 2021 – Weichenstellung für klimaneutrale Fernwärme“ kamen am 11. Februar zeitweise bis zu 130 Vertreter aus Politik, Ministerien und Branche im Rahmen des aufgrund der aktuellen Pandemielage erstmalig virtuell stattfindenden 16. AGFW-Infotag zusammen.

Unter der Moderation von Werner Lutsch, Geschäftsführer des AGFW, John Miller, AGFW, und Stefan Lochmüller, N-Ergie AG, wurde über die Zukunft von Fernwärme und KWK sowie die Erwartungen der Branche an die Politik im Anschluss an die diesjährige Bundestagswahl diskutiert.

Anlässlich der Störung in der Wärmeversorgung in Nürnberg am 08. Februar drückte zunächst Maik Render, Vorstandsmitglied der N-Ergie AG, seine Dankbarkeit für die zahlreichen Hilfsangebote von Fernwärmeunternehmen aus und betonte den bemerkenswerten Zusammenhalt in der Branche sowie die wichtige zentrale und koordinierende Rolle des AGFW in dieser Angelegenheit.

In seiner Keynote zog Andreas Feicht, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, eine energiepolitische Bilanz der vergangenen Legislaturperiode und gab einen Ausblick auf die Zukunft. Besonders hob er die Einführung einer CO2-Bepreisung als Lenkungsinstrument im Wärmesektor im Rahmen des BEHG sowie die unter Beachtung des europäischen Beihilferechts beschlossenen Novellierungen des EEG und KWKG hervor. In seinem Ausblick betonte Feicht die Bedeutung des Green Deal und des in ihm festgelegten Ziels der Klimaneutralität bis 2050, das ohne eine Wärmewende nicht zu erreichen sei. Diese Wärmewende müsse jedoch auch als Infrastrukturwende verstanden werden, für die es eine systematische Planung der Wärmenetze brauche, so Feicht weiter. Die Bedeutung der Wärmenetze nehme insbesondere vor dem Hintergrund des Kohleausstiegs und der notwendigen Integration klimaneutraler Wärmequellen zu. Um die notwendige Integration klimaneutraler Wärmequellen in Bestandsnetze zu fördern, werde das BEW gestartet, sobald die beihilferechtliche Genehmigung der Europäischen Kommission vorliege, kündigte Feicht an. Das europäische Beihilferecht müsse aber im Zuge des Green Deal flexibler werden, da es zur Erreichung des Ziels der Klimaneutralität zu streng ausgelegt sei, führte Feicht aus. Abschließend warb er für die Teilnahme am Stakeholderdialog „Klimaneutrale Wärme“ und dankte dem AGFW e.V. für seine zahlreichen konstruktiven Beiträge im Rahmen bisheriger Dialog- und Konsultationsprozesse.

Dass Fernwärme und KWK zusammen ein Garant für eine klimaschonende, sozialverträgliche Versorgungssicherheit seien, betonte der Präsident des AGFW, Dr. Andreas Cerbe. So vermieden KWK und Fernwärme bereits heute CO2-Emissionen in der Höhe von 54 Millionen Tonnen pro Jahr. Aktuelle Studien zeigten jedoch, dass die Fernwärme durch Ausbau und Transformation einen noch weitaus größeren Beitrag zum Klimaschutz leisten könne. Um dieses Potenzial zu heben, bedürfe es aber passender Rahmenbedingungen, erklärte Dr. Cerbe. Wichtigster Baustein dieser Rahmenbedingungen für eine erfolgreiche Transformation der Fernwärme sei die Herstellung von Investitions- und Planungssicherheit für die Branche, etwa durch eine verlässliche Weiterentwicklung des KWKG und eine Laufzeit des BEW bis 2030 sowie eine Mittelausstattung des Programms von einer Milliarde Euro pro Jahr.

Wie diese Transformation der Fernwärme in Richtung Klimaneutralität in der Praxis durch konkrete Projekte gestaltet werden kann, berichtete Dr. Maik Piehler, Geschäftsführer der Stadtwerke Leipzig GmbH. Dr. Piehler erläuterte, dass die Stadtwerke hierzu eine Wärmemarktstrategie erarbeitet haben, welche die Nutzung mehrerer klimaneutraler Wärmequellen vorsieht. So wird etwa der Bau einer 14 ha großen Solarthermieanlage sowie eines Gaskraftwerks mit einer Wasserstoffverträglichkeit von 30%, welche perspektivisch auf bis zu 100% erhöht werden soll, geplant.

Auch in Brüssel werde klimaneutrale Fernwärme als wesentlicher Bestandteil der Wärmewende gesehen, so Karlis Goldstein, Policy Assistant im Kabinett der europäischen Kommissarin für Energie. Besonders hob er die Zukunftssicherheit und Effizienz der Fernwärme hervor. Abschließend gab Goldstein einen Ausblick auf bevorstehende legislative Veränderungen im Bereich der Fernwärme auf europäischer Ebene, wie beispielsweise die Novellierungen der EED und RED in diesem Jahr.

Im Anschluss stellten John Miller und Stefan Lochmüller zusammen mit Vertretern einiger AGFW-Mitgliedsunternehmen die Forderungen des AGFW zur diesjährigen Bundestagswahl vor. Dirk Pohlmann, MVV Energie AG, betonte, dass das BEW zeitnah beschlossen werden müsse, um durch einen passgenauen Förderrahmen Planungs- und Investitionssicherheit für klimaneutrale Wärmeprojekte zu schaffen und so Lock-in-Effekte zu verhindern. Die Forderung nach Planungs- und Investitionssicherheit bekräftigte Dr. Susanne Stark, Stadtwerke Düsseldorf AG, und führte aus, dass insbesondere in urbanen Räumen die Nutzung von Abwärme große Potenziale für die Dekarbonisierung der Fernwärme biete. Die Nutzung unvermeidbarer Abwärme müsse daher anderen klimaneutralen Wärmequellen gleichgestellt werden. Herr Matthias Lötting, Fernwärme Duisburg GmbH, hingegen bemerkte, dass  es um  den Ausbau der Wärmenetze anzureizen, der Beseitigung von Hindernissen bei der Verdichtung von Bestandsnetzen benötige. So müsse etwa die Wärmelieferverordnung angepasst werden. Dass die Wärmewende in Metropolen funktionieren könne, erläuterte Burkhard Warmuth, Wärme Hamburg GmbH. Diese Transformation sei aber kostenintensiv und langfristig, weshalb das KWKG bis 2030 planungssicher weiterentwickelt und modernisiert werden müsse. Dr. Andreas Schnauß unterstrich, dass Power-to-Heat- und KWK-Anlagen einen wesentlichen Beitrag zur smarten Sektorkopplung leisten können und daher für ein Gelingen der Energie- und Wärmewende notwendig seien. Es gelte daher, die Voraussetzungen zur Hebung dieses Potenzials zu schaffen.

Zum Abschluss diskutierten die Bundestagsabgeordneten Dr. Joachim Pfeiffer, CDU, Johann Saathoff, SPD, Prof. Dr. Martin Neumann, FDP, Ralph Lenkert, Die Linke und telefonisch zugeschaltet Dr. Julia Verlinden, Bündnis90/Die Grünen, sowie AGFW-Präsident Dr. Andreas Cerbe über den Beitrag klimaneutraler Fernwärme zur Erreichung der Klimaziele im Gebäudesektor sowie Planungs- und Investitionssicherheit für Fernwärme und KWK. Dr. Pfeiffer stellte fest, dass  das BEW so zu gestalten sei, dass nicht nur die Richtung stimme, sondern Ziele erreicht werden und nannte die Summe von einer Milliarde Euro als jährliche Mittelausstattung. Zusätzlich forderte Saathoff einen zeitnahen Beschluss des BEW und versprach sich dafür einzusetzen, dass das BEW im zweiten Quartal des Jahres komme. Prof. Dr. Neumann hingegen betonte, dass er die Nutzung der Potentiale der Abwärme zur Dekarbonisierung aus Effizienzgründen als zunehmend wichtiger erachte und die Stärken von Biomasse als Energieträger deutlicher herausgestellt werden müssen. Hinsichtlich der Bedeutung erneuerbarer Gase für die Fernwärme erklärte Dr. Verlinden, dass diese aufgrund ihrer hohen Wertigkeit in der Fernwärme nur zur Abdeckung der Spitzen- oder Residuallast zum Einsatz kommen werden, die Abwärme aus der Nutzung dieser jedoch in Fernwärmenetze eingespeist werden solle. Lenkert schlug vor, die Mittel des BEW auf 2 Milliarden Euro pro Jahr zu erhöhen sowie das Programm auf 15 Jahre festzulegen und sprach sich ergänzend zum BEW für die kommunale Wärmeplanung aus. Bezüglich notwendiger Investitionen in die Transformation der Fernwärme merkte Dr. Cerbe auch vor dem Hintergrund der Corona-Krise an, dass solche Investitionen die heimische Wirtschaft stärkten und gut angelegtes Geld in der Bundesrepublik sein.

Die Präsentationen des 16. AGFW-Infotags stehen Ihnen hier zum Download zur Verfügung.

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